Ambitionierte Ziele für Biosaatgut
Auf der FiBL-Saatgutkonferenz in Fulda wurde diskutiert, wie sich der Ausbau von Biosaat- und Pflanzgut beschleunigen lässt. FairBio hat Voelkel-Einkäufer Johannes Steinke nach dem aktuellen Stand gefragt.
FairBio: Bis 2037 soll der Ökolandbau vollständig auf Biosaat- und Pflanzgut umgestellt werden. Welche Sorten werden künftig benötigt und welche Voraussetzungen braucht die ökologische Pflanzenzüchtung, um diese zu entwickeln?
Johannes Steinke: Die Naturkostsafterei Voelkel setzt seit vielen Jahren auf eine enge Zusammenarbeit mit lokalen Züchterinnen und Züchtern aus der Region. Dabei stehen die Entwicklung qualitativ hochwertiger Gemüsesorten für unsere Säfte aber auch die Unabhängigkeit der Branche von lizensiertem Hybridsaatgut im Vordergrund. Der Impuls dafür entspringt eher dem existenziellen Charakter von nachbaufähigem Saatgut an sich. Ähnlich wie bei Insekten, ist die Verfügbarkeit und die Erhaltung von alten Sorten überlebenswichtig für uns. Die zunehmende Industrialisierung des Saatgutmarktes führt jedoch eher zu einer Verarmung an Variabilität. Die Entwicklung tendiert zu wenigen Hochertragssorten, die meist nicht nachbaufähig sind.
FairBio: Wie wichtig ist das Thema auf der Absatzseite?
Johannes Steinke: Das Interesse des Handels an dem Thema samenfestem Saatgut war Angangs eher verhalten. Boris Voelkel war dieses Thema als Einkaufsleiter bei Voelkel aber immer sehr wichtig. Heute kann Voelkel beim Thema samenfester Gemüsesorten und rund um das Thema nachbaufähiges Saatgut im Handel punkten. Glücklicherweise leisten Züchterinnen wie Johanna Fellner und Kristina Henatsch mit ihrer langjährigen Arbeit rund um die Züchtung von samenfesten Gemüsesorten einen überaus wertvollen Beitrag und wir unterstützen sie dabei. Es tut gut zu sehen, dass nun auch den Verbraucherinnen und Verbrauchen dieses Thema offensichtlich am Herzen liegt.
FairBio: Wie realistisch ist die Timeline bis zum Jahr 2037?
Johannes Steinke: Um eine ausreichende Verfügbarkeit von biologisch vermehrtem Saat- und Pflanzgut zu gewährleisten, ist der Dialog zwischen Verarbeitern und Landwirten essenziell. Vor dem Hintergrund der zeitintensiven Züchtungsarbeit erscheint das Zeitfenster für eine hundertprozentige Verfügbarkeit von Biosaatgut im Ökolandbau bis 2037 eher unrealistisch. Besonders bei Kulturen wie Raps oder Obstgehölzen sehe ich die Branche vor großen Herausforderungen. Bei Getreidesorten und auch bei Feldgemüse gibt es sicher gute Lösungsansätze. Diese führen aus meiner Sicht aber in erster Linie bislang zu guten Synergien zwischen Züchterinnen und regionalen Betrieben. Ich glaube nicht, dass die großen Saatgutanbieter in der Lage sein werden, dies bedarfsgerecht bis 2037 umzusetzen.
FairBio: Welche Rolle spielen die Anpassungen an die Klimawandel?
Johannes Steinke: Es wird immer deutlicher, dass sich auch die hiesigen klassischen Ackerkulturen mit dem vorschreitenden Klimawandel ändern werden. Voelkel führt dazu seit einigen Jahren Sortenversuche für norddeutsche Freilandtomaten in Zusammenarbeit mit der Universität Kassel-Witzenhausen durch. Es gibt bereits vielversprechende Sorten, die auch unter den hiesigen Bedingungen auf dem Feld gut klarkommen. Die Vielfalt unserer Natur und die Bewahrung der alten Sortenlinien kann auch im Hinblick auf den Klimawandel eine echte Chance für die Bio-Landwirtschaft bedeuten. Die vorhandene Diversität sollte von den einzelnen Betrieben unbedingt mehr genutzt werden.
Bildunterschrift: Johannes Steinke, Einkäufer bei der Voelkel Naturkostsafterei
Foto: Voelkel
Hier geht es zum Tagungsbericht der FiBL-Saatgutkonferenz
