„Wir wollen das System verändern“
Zwischen Osnabrück und Ostfriesland soll ein regionales Handels-Netzwerk entstehen. Mit digitalen Ladenkonzepten will eine Bürger AG regionale Bio-Produkte sichtbar und rund um die Uhr verfügbar machen. FairBio hat Lisa Merz, Sprecherin der Regionalwert AG Bremen & Weser-Ems, zur aktuellen Entwicklung befragt.
FairBio: Was genau ist die Regionalwert AG Bremen & Weser-Ems? Welches Ziel verfolgt sie?
Lisa Merz: Die Regionalwert AG Bremen & Weser-Ems ist eine von neun Regionalwert AGs in Deutschland und Österreich. Sie ist eine sogenannte Bürgeraktiengesellschaft. Durch die regelmäßige Ausgabe von Bürger-Aktien sammeln wir Kapital, das wir gezielt in unsere Partnerbetriebe investieren – von Bauernhöfen über Lebensmittelverarbeitung bis zu Handel und Gastronomie. Fünf Partnerbetriebe haben bereits eine Investition erhalten. Unsere Partnerbetriebe verpflichten sich zur Einhaltung unserer Partnerschaftskriterien, dazu zählen eine Bio-Zertifizierung sowie der Sitz in Bremen & Weser-Ems. Wir wollen das bestehende agrarindustrielle Lebensmittelsystem verändern. Gemeinsam mit Bäuer:innen und Bürger:innen streben wir eine lebendige und verantwortungsvolle Land- und Ernährungswirtschaft von Ostfriesland bis Osnabrück und darüber hinaus an. Neben unseren Investitionen pflegen wir ein großes partnerschaftliches Netzwerk, bieten Veranstaltungsformate an und betreiben aktive Öffentlichkeitsarbeit, um regionale Wertschöpfungsketten sichtbarer zu machen.
FairBio: Wie können regionale Bio-Wertschöpfungsketten aus Ihrer Sicht krisenfest werden?
Lisa Merz: Bio-Wertschöpfungsketten müssen nicht erst krisenfest gemacht werden, sie sind es bereits. Das Problem liegt darin, dass sie bislang nicht ausreichend als sicherheitsrelevante Infrastruktur erkannt, gefördert und genutzt werden. Dabei können regionale Bio-Wertschöpfungsketten durch ihre dezentrale Versorgung genau die Vielfältigkeit und Verlässlichkeit bieten, die wir verlieren, wenn beispielsweise globale Lieferketten schwächeln oder gar zusammenbrechen. Immer wieder entstehen in Deutschland durch den massiven Import von Bio-Lebensmitteln aus dem Ausland heftige Preisschwankungen. Diese Import-Verschiebung fördert das Höfesterben vor Ort und damit unsere Abhängigkeit von globalen Lieferketten.
Wenn wir regionale Wertschöpfungsketten verlieren, verschwinden hier nicht nur Bio-Betriebe und ihre erzeugten Produkte, sondern auch Fähigkeiten in Landwirtschaft, Schlachtung, Verarbeitung, handwerklicher Produktion, Gastronomie, regionaler Logistik. Werden diese Strukturen dünner, wird eine Region nicht nur durch den Verlust von notwendigen Lebensmitteln verletzlich, sie verliert Fachkräfte, Lebendigkeit und Individualität. In unserer Arbeit sehen wir täglich Bio-Betriebe, die mit enormem Engagement arbeiten, aber unter massivem Druck stehen. Wir müssen sie erhalten, ausbauen und gezielter in die hiesige Wirtschaft einbinden. Wir nutzen dafür die Einnahmen aus unseren Bürgeraktien, um in Bio-Betriebe vor Ort zu investieren. Aber natürlich braucht es auch darüber hinaus geeignete Strategien aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
FairBio: Welche Vermarktungswege werden derzeit dafür favorisiert?
Lisa Merz: Grundsätzlich nutzen unsere Betriebe sowohl direkte als auch indirekte Vermarktungswege. In der direkten Vermarktung werden hauptsächlich Hofläden und Wochenmärkte genutzt. Manche Betriebe wie die frischeKISTE aus Syke nutzen eine Abo-Kiste. Vereinzelt gibt es Online-Shops wie bei der Imkerei Wabenleben aus Asendorf oder Nordappel aus Kirchlinteln. Das Osnabrücker farmely ist ein 24/7 Smart Store. Die Hofgemeinschaft Grummersort aus Hude ist eine Solidarische Landwirtschaft, die SuperCoop in Bremen ist ein Genossenschafts-Supermarkt. Indirekte Vermarktungswege werden teilweise genutzt, etwa über den Bremer Naturkostkontor, Kornkraft oder eine Zusammenarbeit mit Supermarkt-Ketten wie Rewe. Unser Partner Ratatouille aus Oldenburg ist ein Catering-Unternehmen für Kitas und Schulen und dementsprechend in der AHV tätig. Zur Gastronomie zählen das Syker Bioland Hofrestaurant und das Bremer Frölichs.
FairBio: Welche Bedeutung haben Smart Stores für die Bürger-AG?
Lisa Merz: Smart Stores haben für die Regionalwert AG eine doppelte Bedeutung: Sie sind Innovationsmotor und Wertschöpfungshebel zugleich. Mit dem Smart Store unseres Partnerbetriebs farmely in Osnabrück haben wir gezeigt, dass digitale Nahversorgungskonzepte regionale Lebensmittel erfolgreich in neue Handelsformate bringen können. Wir möchten die digitalen Handelskonzepte mit Gemeinwohlorientierung verbinden. Gründer Hauke Rehme‑Schlüter, seit Jahren als Aufsichtsrat in der Regionalwert AG aktiv und inzwischen Mitglied des Vorstands, entwickelt dieses Konzept nun gezielt für unsere AG weiter.
Smart Stores schließen nachweislich Versorgungslücken, besonders in Regionen, in denen klassische Supermärkte nicht wirtschaftlich arbeiten können. Genau hier setzen wir an: Wir wollen regionale Produkte da verfügbar machen, wo Menschen sie brauchen, unabhängig von Öffnungszeiten und ohne zusätzliche Belastung für die Betriebe. Viele Menschen verlangen heutzutage bei ihrem Einkauf mehr Flexibilität und Convenience. Smart Stores sind anders als Marktstände nicht an feste Zeiten, Wetterlaunen und Menschenmengen gebunden. Damit schließen sie nicht nur eine Versorgungs- sondern auch eine Bedarfslücke. Mit den geplanten Standorten in Oldenburg und/oder Bremen entsteht ein skalierbares Modell: Ein regionales Handelsnetzwerk, das Bürgeraktien, Partnerbetriebe und moderne Nahversorgung verbindet.
Bildunterschrift:
Lisa Merz und Hauke Rehme‑Schlüter wollen mit der Bürger AG digitale Bio-Handelskonzepte mit Gemeinwohlorientierung verbinden.
Foto: Regionalwert AG Bremen & Weser-Ems
