Neustart für ein anderes Wirtschaften
Bio ist im Mainstream angekommen und damit auch in den konventionellen Marktmechanismen. Kleine Unternehmen und Bioläden geraten dadurch massiv unter Druck. Unser Schwesterorganisation Fair-Bio eG will hier mit gemeinschaftsbasierten Konzepten gegensteuern.
Die Fair-Bio Genossenschaft in Göttingen erfindet sich gerade neu. Nach einem Personalwechsel will sie als Transformationsplattform für Veränderung in der Biobranche sorgen. Denn die aktuellen Herausforderungen sind immens: steigender Preisdruck, sinkende Vielfalt und wirtschaftliche Unsicherheit. Für die Genossenschaft ist klar, dass es ein Umdenken braucht. „Mit dem Marktwachstum Bio hat auch verändert, wie wir miteinander umgehen. Genau das müssen wir jetzt hinterfragen“, sagt der Genossenschaftsvorstand Joos van den Dool.
Die FairBio Genossenschaft liefere hierfür konkrete Ansätze und bringe Menschen zusammen, die bereit sind, neue Wege zu gehen. 25 Fachhändler, 15 Landwirte, 5 Biohersteller sowie der Bio-Großhändler Naturkost Elkershausen arbeiten in der Fair-Bio eG bereits zusammen. „Genau diese Breite ist unsere Stärke, denn sie ermöglicht es, Wirtschaft nicht isoliert, sondern gemeinsam zu denken“, erklärt van den Dool. Die Biobranche hat es geschafft, ökologische Produkte in der Mitte der Gesellschaft zu verankern. Doch bei aller Erfolgsgeschichte bleiben für ihn zentrale Fragen offen. Muss der Handel mit Bio-Lebensmitteln konventionellen Marktmechanismen folgen? Wie können kleine Bioläden in diesem Umfeld langfristig bestehen?
Für die FairBio Genossen steht daher ein grundlegender Gedanke im Mittelpunkt: Wirtschaftliche Risiken und Erträge sollen nicht länger ungleich verteilt sein, sondern solidarisch getragen werden. Dafür will die Genossenschaft das Prinzip der solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi) auf den Biohandel übertragen. „Ein Kreis von Menschen findet es wichtig, was ein Betrieb macht und deckt gemeinsam die Kosten“, beschreibt der neue Vorstand das Prinzip. Konkret bedeutet dies, dass die Mitglieder die Umsätze vorab durch monatliche Beiträge absichern. Die Bioläden gewinnen damit Planungssicherheit. Gleichzeitig entsteht damit Solidarität zwischen den Marktpartnern. „Dieses Modell verändert die Logik des Handels grundlegend: Weg vom reinen Preisdenken – hin zu einer gemeinschaftlich getragenen Versorgung“, sagt Joos van den Dool. Durch gemeinschaftsbasierte Mitgliedschaftsmodelle entstehe für die Läden ein stabiles „Grundrauschen“ an Einnahmen. Das eröffne neue Handlungsspielräume für
- mehr regionale Produkte,
- größere Sortimentsvielfalt,
- fairere Preise für Erzeuger und
- weniger Abhängigkeit von Preiskämpfen.
Mehr als ein Geschäftsmodell – eine neue Haltung
Die FairBio Genossenschaft verfolgt damit ein Ziel, das über wirtschaftliche Stabilität hinausgeht. Es geht um eine grundlegende Veränderung unserer Haltung zu Lebensmitteln und Wertschöpfung. Nicht der Preis eines Produkts steht im Vordergrund, sondern die Frage, ob und wie ökologische Landwirtschaft in der Region langfristig erhalten werden kann. Wenn eine Gemeinschaft bereit ist, Verantwortung für „ihren“ Laden und „ihre“ Produzenten zu übernehmen, entstehen völlig neue Möglichkeiten – etwa der Erhalt von Vielfalt im Anbau oder der Umgang mit Ernteschwankungen ohne ruinösen Preisdruck.
Klingt zunächst nach Utopie, funktioniert aber bereits erfolgreich in der Praxis. Das Gegenkonzept zum derzeitigen Wirtschaftsprinzip in unserer Gesellschaft wurde bereits über hundert Mal für kleine Ladenformate, Werkstätten und Cafés umgesetzt. Die Organisation Myzelium begleitet die Unternehmen bereits seit Jahren erfolgreich bei der Umstellung auf gemeinschaftsbasiertes Wirtschaften und arbeitet auch mit der Fair-Bio eG zusammen.
Aktuell befindet sich die Genossenschaft in der entscheidenden Aufbauphase. Erste Pilotprojekte sollen zeigen, wie gemeinschaftsbasiertes Wirtschaften konkret entlang der gesamten Wertschöpfungskette funktionieren kann. Besonders im Fokus stehen kleine und mittelständische Bioläden. Die Genossenschaft versteht sich hier als Unterstützerin und Möglichmacherin. Durch gemeinschaftsbasierte Mitgliedschaftsmodelle soll für die Läden ein stabiles wirtschaftliches Fundament entstehen.
Für Joos van den Dool ist in diesem Prozess entscheidend, den Blick zu verändern: „Es geht nicht darum, was ich für ein Produkt zahle. Es geht darum, dass Bauern in der Region weiter ökologisch arbeiten können und die Natur erhalten bleibt. Ein Bioladen wird so nicht nur zum Verkaufsort, sondern zum sozialen und wirtschaftlichen Knotenpunkt einer lokalen Gemeinschaft.“
