Braucht Bio noch Fairness?
Der Biomarkt ist im Umbruch. Die Handelsmarken wachsen und der Einkauf löst sich immer stärker von der heimischen Landwirtschaft. Bio gewinnt mit Coolness und Werte rücken in den Hintergrund. Warum fair, wenn es auch anders geht – scheint die neue Devise zu sein. FairBio-Vorstand Boris Voelkel erläutert im Biofachgespräch „Junge Stimmen – mutige Visionen“ seine Optionen für die Zukunft.
FairBio: Wir stehen vor einer deutlichen Marktbereinigung im Biosegment. Viele kleine Hersteller stehen erstmals existenziell unter Druck. Wer nicht mithalten kann, wird das Spielfeld verlassen. Sind moralische Werte in dieser Neuordnung überflüssig?
Boris Voelkel: Wir sind mit Bio in den klassischen Marktmechanismen gelandet, die zynisch und systematisch gewaltsam sind. Wir produzieren tolle Produkte zu adäquaten Preisen. Wir liefern unglaublich vielen Systemleistungen, einen super Geschmack und dazu auch noch ein modernes Marketing – wir bieten alles, was die Welt verlangt. Wir haben in den Bioverbänden Starkes geleistet. Doch in dem Punkt, wie wir miteinander wirtschaften, haben wir einen blinden Fleck. Wir müssen bei sozialen Kriterien wieder Pioniere sein. Hier sehe ich die Chance, wie wir für Bio die zweite Raketenstufe schalten können.
FairBio: Wie schafft das Unternehmen Voelkel den Spagat zwischen Discount als Vertriebsschiene und fairen Preisen für die Bauern?
Boris Voelkel: Die Frage, wie können wir stabilisierend und verlässlich für unsere Landwirte wirken, treibt mich schon lange um. Wir stellen bei Voelkel die Beziehungsfähigkeit in den Mittelpunkt. Beziehungen sind wichtiger denn je, sie sind aber auch schwieriger denn je. Beispielsweise haben wir den Apfelbauern aus dem alten Land mehrere tausend Tonnen Äpfel zu einem stabilen Preis abgenommen, als die Ernte überproportional gut ausgefallen war und kein Markt dafür da war. Der Move hat uns nervlich und technisch an die Grenzen unserer Belastbarkeit gebracht. Im Folgejahr fehlten die Äpfel infolge einer Missernte am Markt. Wir hatten dann Reserve und konnten auch die neue Ernte zu einem stabilen Preis einkaufen. Ein anderes Wirtschaften mit partnerschaftlichen Vereinbarungen und verlässliche Beziehungen, dafür sind wir doch angetreten.
FairBio: Funktionieren diese Grundsätze langfristig in einem Massenmarkt mit enormem Preisdruck?
Boris Voelkel: Unsere partnerschaftlichen Vereinbarungen auf Augenhöhe funktionieren auch unter Druck, wenn dieser jedoch zu groß wird, und ein Partner in die Enge getrieben wird, wird es schwierig. Das Grundbedürfnis von Menschen besteht darin, sich wertevoll miteinander zu vereinbaren. Das heutige System in der Lebensmittelwirtschaft entspricht jedoch nicht diesen Bedürfnissen. Wenn wir in einem Jahr draufzahlen und sich die Partner im Folgejahr aber trotzdem nicht mehr an die Vereinbarungen halten, dann passt es auch für uns nicht auf Dauer. Die Beziehungsfähigkeit hat stark nachgelassen. Wir müssen daher wieder neu lernen, uns gut miteinander zu vereinbaren.
FairBio: Braucht Bio diese Beziehungsarbeit? Geht es auch ohne Fairness?
Boris Voelkel: Die extremen klimatischen Verwerfungen mit extrem trockenen und extrem nassen Jahren werden zukünftig noch stärker werden. Wir als Ökobranche sind dafür prädestiniert, resiliente Systeme zu entwickeln. Die Rohstoffmärkte werden immer unsicherer. Die Preisvolatilität lag früher höchstens bei 20 Prozent, heute ist sie bis auf 500 Prozent gestiegen. In der Vergangenheit war vielleicht mal ein Artikel in der Krise. Heute steigen die Preise für Zitronensaft von 1 auf 2 Euro und bei Heidelbeere von 3 auf 8 Euro.Eine Missernte lässt die Preise für Sauerkirschen von 2 auf 5,70 Euro steigen – das ist heute normal. Wie sollen wir dies noch im Markt umsetzen, wenn wir uns nicht verlässlich miteinander vereinbaren?
Wir haben von unseren Landwirten über Jahre hinweg zu viele Kirschen gekauft, einfach damit sie die Ware loswerden. Letztes Jahr hat der Frost dann die Sauerkirschen-Ernte in ganz Osteuropa vernichtet und die internationalen Preise nach oben getrieben. Das hat das deutsche Angebot ausgehalten, unsere Lieferanten haben uns zu den vereinbarten Preisen beliefert, da die deutsche Ernte gut ausgefallen war.
FairBio: Ist dieses partnerschaftliche Wirtschaftsmodell auf Dauer zukunftsfähig?
Boris Voelkel: Eine Wirtschaftsweise, bei der das Wohl der Gesamtheit im Mittelpunkt steht, wird langfristig das stabilere und lukrativere Geschäftsmodell sein. Wir lassen uns von den derzeit düsteren Wolken am Horizont nicht beeindrucken. Wir glauben, dass die Biobewegung eine komplett neue Wirtschaftsweise etablieren kann, mit der sich die Menschen identifizieren können. Darum muss Bio fair sein, auch wenn es anders geht.
Bild:
Boris Voelkel, Geschäftsführer Einkauf der Naturkostsafterei Voelkel, will mit Fairness für Bio wieder Pionierarbeit leisten.
Foto: FairBio
